Rundbrief von P. Pius
von Bernhard Bauer, 11. 11. 2012, 04:18:32

Liebe Verwandte und Freunde!

Vor zehn Tagen brachten wir hier die diesjaehrige Wallfahrer-Hochsaison klangvoll zum Abschluss. Ein Chor aus Forstern, in der Naehe vom Flughafen Muenchen, machte bei uns einen Zwischenstopp, sang zur Abendmesse und endete das anschliessende Konzert mit dem Alleluja von Haendel. Die Chorgruppe „pilgerte“ anderntags zu Fuss zum Cruz de Ferro, den uebrigen Teil der Reise bewaeltigte sie mit dem Flugzeug und im Bus, da sie nur 5 freie Tage zur Verfuegung hatte. War das nun eine Pilgerfahrt oder ein laengerer Chorausflug?

Verglichen mit der Pilgerin aus Wuerzburg, die gestern hier durchgezogen ist und den ganzen Weg von zu Hause zu Fuss bewaeltigt hat, war die Reise des Chores, den ich begleiten durfte, eher eine Spritztour zum Kennenlernen, die dazu anregen koennte, spaeter in Ruhe eine Teilstrecke oder den ganzen Weg zu pilgern. Und trotzdem hatte ich den Eindruck, dass die Fahrt etwas mehr war, als nur eine Konzertreise. Zugegeben, dieser Chor hat schon viele festlichere und besser ausgefeilte Konzerte gegeben als die verschiedenen geplanten, und noch mehr die spontanen Auftritte auf dem Weg. Aber gerade die „Standkonzerte“ und spontanen Darbietungen haben sie den Spaniern, Pilgern und Touristen naehergebracht. Es war gut zu sehen, wie ueberall die Gottesdienstbesucher auch nach der gesungenen Messe dageblieben sind, um weitere Darbietungen anzuhoeren und sich vom Gesang inspirieren zu lassen. Die dankbaren Gesichter und im Vorbeigehen gegebenen Dankesworte haben mehr als der Beifall zum Ausdruck gebracht, dass ihre Botschaft angekommen ist, und das war ueberall so, in Barcelona, in Rabanal del Camino und in Santiago de Compostela.

Ich habe mich schon oft gefragt, was eigentlich eine Wanderung zu einer Pilgerfahrt macht. Aeusserlich sehen sie sich ja doch recht aehnlich, die sportlichen Radfahrer, die daheim mit ihren Mountain Bikes unterwegs sind und die Fahrradpilger, die in Rabanal sich durch die Calle Real strampelnd aufwaerts bewegen. Oft habe ich mir beim Zuschauen gedacht: Da waere ich viel lieber zu Fuss unterwegs als mit dem Fahrrad! Trotzdem haben mir Begegnungen und persoenliche Gespraeche mit Fahrradpilgern gezeigt, dass man auch mit dem Rad pilgern kann. Andererseits sind nicht alle, die zu Fuss den Camino bewaeltigen, wirkliche Pilger, auch wenn sie Wochen und sogar Monate zu Fuss unterwegs sind. Auch unter den Fusspilgern kann der sportliche Anreiz, die 1000 oder 2000 km zu schaffen, eine Wanderung auf geheiligten Wegen zum rein sportlichen Ereignis machen, wie etwa die Besteigung des Kilimajaro oder eine Alpenueberquerung. Dabei bin ich mir sicher, dass auch bei solchen sportlich gepraegten Wanderungen Momente der Ergriffenheit und der Besinnung dabei sind, die den Wanderer nahe an die Haltung eines Pilgers bringen. Was also macht den Pilger aus?

Ein Pilger hat immer einen tieferen Grund, der ihn in Bewegung setzt. Sehr haeufig steigt dieser Grund in Rabanal an die Oberflaeche des Bewusstseins, wenn Pilger ihre Steine segenen lassen, die sie nach altem Brauch am Cruz de Ferro, dem hoechsten Punkt an Spaniens Camino Francese, ablegen wollen. Letztes Jahr hat mich eine Begegnungen besonders beruehrt. Ein Mann bat mich, einen Bergkristall zu segnen, in den ein Teil der Asche seiner Frau eingeschlossen war. Sie wollte selber die Pilgerfahrt machen, konnte aber nicht mehr, weil sie an Krebs erkrankte und starb. Jetzt hatte der Mann ihre Asche mitgetragen und wollte sie an diesem markanten Punkt des Weges beerdigen. Das Ablegen des Steines, das Bauen eines Steinmaennchens oder das Singen eines Liedes an einer besonderen Stelle des Weges hat dann dieselbe Bedeutung und hilft einem, die innere Last abzulegen und Gott zu ueberlassen. So gewinnt man Freiheit und verarbeitet den Schicksalsschlag, der einen ueberrascht und vielleicht auch innerlich gelaehmt hat. Oft kommt dem Pilger erst mit dem tagelangen Wandern Schritt fuer Schritt zum Bewusstsein, was ihn schmerzt oder warum er bisher nicht die Bereitschaft gefunden hat, den Schmerz loszulassen. Im Englischen gibt es die vielsagende Wendung „to nurse a grudge“. Man will sich den Schmerz gar nicht nehmen lassen, und darum kann einem auch niemand helfen oder Trost spenden.

Gleiche oder aehnliche Erfahrungen machen auch Leute, die nach einer Neuorientierung ihres Lebens suchen. Auch fuer sie sind es die abertausend Schritte auf dem Weg, die langsam die Erkenntnis „zeitigen“ lassen (wie wir in Bayern sagen), warum sie eigentlich mit dem Leben unzufrieden und auf der Suche nach einem Neuanfang und so unterwegs sind.

Andere haben ein befreiendes Erleben hinter sich und wollen mit der Pilgerfahrt Gott dafuer danken. So hat es mir vergangenes Jahr ein Pilger in der Lebensmitte gestanden. Er habe auf der Pilgerfahrt nach langen, nicht-religioes verlebten Jahren Gott gefunden und gehe seitdem jedes Jahr wenigstens ein Stueck des Camino, um Gott dafuer zu danken. Fuer solche und eigentlich fuer alle, die in Santiago angekommen waren und das Alleluja des Forstener Chors hoerten, war gerade dieser Gesang der beste Ausdruck dessen, was sie selber im Herzen trugen. Ein begnadeter Haendel hat den Dank an Gott in Melodien gefasst, die man in Afrika ebenso versteht wie in Spanien und in China, und deshalb hat der Chor damit vielen aus dem Herzen gesungen, wie die Reaktion in der Kirche gezeigt hat.

Schliesslich ist das Gros der Pilger unterwegs mit einem Anliegen im Herzen, einer besonderen Bitte, fuer die der Stein im Rucksack sichtbares Zeichen ist, den sie von zu Hause her mitgetragen haben. Diese Bitten sind so vielfaeltig, wie die Menschen unterschiedlich sind. Auch wenn es nicht jedem liegt, darueber zu sprechen, die Inbrunst, mit der eine Kerze vor der Jakobusstatue oder einem Marienbild angezuendet wird, die grosszuegige Opfergabe, die dafuer gegeben wird, zeigt ganz deutlich, dass man dieses Anliegen zu Gott tragen will, ob es nun eine kurze oder eine Wochen dauernde Wegstrecke ist, die man darauf verwendet. Eine Chorsaengerin war so in ihr Gebet vor der Madonna in O Cebreiro versunken, wo sie eine grosse Kerze gekauft und angezuendet hatte, dass sie ihren Geldbeutel auf dem Boden liegenliess und wir mit dem Bus an die 15 km zurueckfahren mussten, als sie sich ploetzlich daran erinnerte. Jeder kann sich ausmalen, wie erleichtert sie war als sie ihn tatsaechlich wiedergefunden hat.

Wer schon den Weg gepilgert ist, kann sich selber fragen, zu welcher Gruppe er/sie gehoert: Zu denen, die etwas aufzuarbeiten und „abzulegen“ hatten, zu denen, die Dank sagen wollten oder zu denen, die ein Anliegen Gott anvertrauen wollten.

Mit diesem Brief danke ich auch noch einmal allen, die weiterhin in bewundernswerter Treue meine fruehere Arbeit in Afrika unterstuetzen. Sie duerfen sicher sein, dass Ihre Gabe ganz dem Zweck zugefuehrt wird, fuer den Sie sie gespendet haben. Am Ende des Monats werden die ersten beiden Jahre voll, seitdem ich „Jenseits von Afrika“ oder „Out of Africa“ bin, wie es der bekannte Buch- und Filmtitel von Karin Brixen umschreibt, deren ehemalige Kaffee-Farm waehrend meiner letzten 7 1/2 Jahre in Nairobi ganz in meiner Naehe lag. Inzwischen spuere ich, dass ich auch hier „daheim“ bin trotz des warnenden Spruchs, man solle einen alten Baum nicht mehr umpflanzen.

Heute wuensche ich uns allen einen guten Ausklang des Jahres, einen guten Advent und frohe, gesegnete Weihnachten und gruesse recht herzlich

Ihr/Euer P. Pius

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